capitel:sagenoberharzvorwort
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| - | ====== Vorwort ====== | ||
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| - | An den Waldrändern des Harzes verdampften längst die bläulichen Meiler, die letzte Frucht der Vogelbeerbäume auf seinen Höhen glänzt wieder so eigen im scharfen Morgenreif, die Zugvögel, Schildamseln und wie diese guten Bekannten alle heißen, haben ihren Besuch längst abgestattet – da bereiten sich auch diese Sagen, über die deutschen Gauen auszufliegen und mit alter Liebe, die nicht rostet, auch nach ihrer waldigen Heimat zu ziehen. Dorthin bringen sie die freundlichsten Grüße mit von dem Sammler, der dort in manchem hölzernen Hause, auch wol unter mancher schönen Buche geruht hat, und der seine treuen Wünsche und seinen Spruch auch hier nicht besser zu sagen weiß, als in dem Trinkspruch des Oberharzers: | ||
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| - | Es grüne die Tanne, es wachse das Erz! | ||
| - | Gott schenke uns Allen ein fröhliches Herz! – | ||
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| - | Die nachfolgende Sammlung wurde veranlaßt theils durch eigene Lust und Neigung, theils durch das Verlangen nach einer neuen Sammlung von Harzsagen, welches Jakob Grimm in der zweiten Auflage der »Deutschen Mythologie« aussprach und das sich besonders seit dem Erscheinen meiner ›Kinder- und Volksmärchen‹; | ||
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| - | Wir dürfen bei dieser Musterung der ältern Harzsagenliteratur etwas ausführlicher sein, da nicht blos sich darin die literarische Entwickelung der deutschen Sagenforschung überhaupt aufweisen läßt, sondern da es auch fast scheint, als hätte die deutsche Sagenforschung aus unserer Gegend ihren ersten Ausgang genommen. Die Poesie dieser grünen Wald- und Berginsel mitten in Deutschlands freilich nur scheinbar prosaischem Norden mochte wol schon früh die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, wie sie denn jedenfalls noch früh genug das Nachdenken und den Sammelfleiß unsers Otmar beschäftigte. Wie mir Dr. J. W. Wolf nachgewiesen, | ||
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| - | Mit Stolz aber nenne ich den Ephorus einer Schule, die ich selbst später besuchte, als meinen unmittelbaren Vorgänger, der, indem er zuerst Harzsagen sammelte, überhaupt das erste erhebliche deutsche Sagenwerk lieferte, dessen Lob daher die Brüder Grimm in der Vorrede ihrer »Deutschen Sagen« verkündigten und den Rhode jedenfalls mit vor Augen hatte. | ||
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| - | Einer mir von mehrern Seiten gewordenen Mittheilung zufolge war nämlich der verstorbene Ephorus der Domschule und Generalsuperintendent Nachtigall zu Halberstadt der Sammler der »Volkssagen«, | ||
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| - | Es traf sich glücklich, daß Herr Pfarrer Georg Schulze in Altenau, als Sprachforscher besonders durch die treffliche Redaction und Herausgabe der »Harzgedichte« rühmlichst bekannt, ein Mann, auf den der Oberharz stolz sein kann und das Volk dort wirklich stolz ist, für die vollständige Sammlung der Sagen in den hannoverschen Bergstädten mir die Hand bot, und dabei mußte dann zur Ergänzung des neuerdings Gesammelten, | ||
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| - | Aus Altenau nennen wir auch noch W. Lohrengel, der jetzt auch für meine übrigen Sammlungen eine rege Thätigkeit entfaltet, dankbar als einen recht geschickten Mitarbeiter. | ||
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| - | Die unter der harzeburger Gegend eingereihten Sagen von Vienenburg und Wiedelah, sowie ein Beitrag zu den lautenthaler Zwergsagen und zu den Sagen von Dorste wurden mir von Professor Wilhelm Müller in Göttingen mitgetheilt. Dieser, der Verfasser von »Geschichte und System der altdeutschen Religion« und Herausgeber des Mittelhochdeutschen Wörterbuchs, | ||
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| - | Für die Gegend von Lonau und Sieber insbesondere verdanke ich Mehreres Herrn Lehrer Theodor Stender in Lonau. Außerdem die nordhäuser Hexensage dem Herausgeber der »Urkundlichen Geschichte von Nordhausen«, | ||
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| - | Wenn diese Männer für die Sammlung der Sagen des westlichen Harzes, wie sie im Texte gegeben sind, thätig waren, so zeichnete noch während des Druckes der Sammlung mein sehr theurer Freund, Pastor Banse in Beckendorf, zwei Varianten aus dem Selkethale zu im Text stehenden oberharzischen Sagen auf. Unser thätiger Karl Elis, Lehrer an den höhern Bildungsanstalten zu Halberstadt, | ||
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| - | Schätzbare Auskunft erhielt ich auch von den Herren Subconrector Vollbrecht am Gymnasium zu Klausthal, Hüttenaspirant Blum in Lautenthal, und Lehrer Niemeyer in Osterwieck; meinem wackern Schul- und Universitätsgenossen dem Rector Karl Schütte zu Horenburg, und vom Buchhändler Häniche zu Oschersleben. | ||
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| - | Im Allgemeinen habe ich, je voller bei uns noch der lebendige Quell der Ueberlieferung sprudelt, um so spärlicher gedruckte Quellen zu Hilfe gerufen. Die bekanntern ältern gedruckten Quellen sind von den Brüdern Grimm und von Harrys bereits hinlänglich und, wie sich von selbst versteht, gut benutzt; viel neue aufzusuchen erlaubte aber der Raum nicht. Nur bei Goslar habe ich aus nahe liegenden Gründen eine Ausnahme gemacht und ich denke, der Leser wird sich an der Fülle historischer Sagen, die ich nun von dieser Kaiserstadt zu liefern im Stande bin, und die sich freilich immer noch gar sehr vermehren ließen, erfreuen und Einiges darin nicht nur für den Mythologen, sondern überhaupt für den Historiker von Interesse sein. | ||
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| - | Nach den bisherigen Angaben wird man sich von der zwar immer nur relativen Vollständigkeit der vorliegenden Sagen überzeugt haben. Nicht allein für die wenigen aus gedruckten, auch für die aus mündlichen und handschriftlichen Quellen geschöpften Nummern wurden zum Theil mehrere, oft sehr viele Quellen benutzt. | ||
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| - | In der Behandlung schließt sich die vorliegende Sammlung den bekannten Sagensammlungen aus dem übrigen Deutschland an und die Grundsätze sind die allgemein giltigen, nach denen der Vortrag der Sage einen schlichten Ton verlangt. Das große Vorbild der Brüder Grimm steht auch für die Sage noch unerreicht da, denn auf welcher andern Sagensammlung läge jener eigenthümliche Glanz und jene Hoheit, die uns von der ihren wie ein Firniß von alten schönen Gemälden entgegenstrahlt? | ||
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| - | Die Eigenheiten der vorliegenden Sammlung bestehen nun darin, daß von einem Theile des hier abgehandelten Sagengebiets, | ||
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| - | Den Text der Sagen gebe ich rein, frei von den zu Anfang und am Schluß der Nummern sonst wol hinzugefügten Quellennachweisen. Alles Derartige ist hier (nur daß da, wo mündliche oder handschriftliche Mittheilung die Quelle ist, dies nicht im Einzelnen angegeben ward) mit in die Anmerkungen verwiesen, sodaß die Sammlung da, wo die Sagen ein Localinteresse haben, ein Volks- und Hausbuch werden kann, wie jedes Sagenbuch in seiner Heimat es werden sollte. Auch der neuerdings mehrfach gebrauchten Anordnung der Sagen nach den mythischen Wesen habe ich die populäre nach den Orten vorgezogen. Das Bequeme jener neuern Anordnungsweise erkenne ich vollkommen an. Aber ich glaube theils, daß die Sage dadurch fast zu sehr dem allgemeinern Interesse entfremdet wird, das man da, wo sie zu Hause ist, denn doch immer für sie voraussetzen soll, und daß, wenn man die wissenschaftliche Form in dieser Weise hervortreten läßt, die Localsage erst wieder durch unwissenschaftliche, | ||
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| - | In den Anmerkungen habe ich die Localliteratur mehr zur Vergleichung herbeigezogen, | ||
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| - | Über den innigen Zusammenhang alter Überlieferungen mit dem gesammten Volksleben und besonders mit der Volkssittlichkeit, | ||
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| - | Statt aller weitern Bemerkungen über Bildung und Entstehung einzelner Sagen hier nur noch eine solche über die von den Venedigern, den Zauberern und Schatzsuchern, | ||
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| - | Unter den Nachrichten des Tacitus über die heidnische Religion der Deutschen werfen auf die von der Nerthus Gebräuche in unsern Gegenden ein interessantes Licht. Sie wurde auf einem mit weißen Tüchern verhüllten, | ||
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| - | Was die Nachrichten von Götterculten betrifft, welche wir direct mit auf unsere sächsischen Vorfahren beziehen könnten, so steht darunter die niederdeutsche Abschwörungsformel voran. Sie ist uns durch eine vatikanische Handschrift aufbewahrt, doch hält man freilich ihre Sprache nicht für rein niedersächsisch, | ||
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| - | Forsachistu diobolae? | ||
| - | et resp. ec forsacho diobolae. | ||
| - | End allum diobol gelde? | ||
| - | respon. end ec forsacho allum diobol geldae. | ||
| - | End allu dioboles uuercum? | ||
| - | resp. end ec forsacho allum dioboles uuercum end uuordum, | ||
| - | thunaer, ende uuoden ende saxnote ende allem | ||
| - | them unholdum, the hira genotas sint. | ||
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| - | Hierauf folgte das christliche Glaubensbekenntniß. Zur Vergleichung damit kann folgende Stelle aus einer von Haupt aus einer wiener Handschrift mitgetheilten Abmahnung vom Tanzen dienen: » Zum funfften so tued die tentzer und tentzerin in etlich wise wider die sacrament der kirchen und besunder wider den tauff: wann sie brechen das gelubde, das sie got getan haben in dem tauff, als ir pfetterich an ire stat gesprochen haat: ich widersage dem tufel und allem sine gespenste.«Von Saxnot haben wir sonst gar keine Nachricht, aber bekanntlich bedeutet sein Name Schwertgenoß, | ||
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| - | Nächstdem könnten etwa die in thüringischer Mundart abgefaßten beiden Zaubersprüche, | ||
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| - | An die Abschwörungsformel und die Zaubersprüche reihen sich nun einige speciell auf den Harz sich beziehende Nachrichten über Götterculten, | ||
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| - | Hieran schließen sich nun so manche Nachrichten, | ||
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| - | Muthmaßliche heidnische Opferstätten sind, ausgenommen vom Oberharz, bei uns zahlreich bekannt. In der Gegend von Nordhausen, an der Straße nach Niedersachswerfen, | ||
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| - | Professor Ernst Günther Förstemann berichtet in den Nachträgen und Verbesserungen zu der »Urkundlichen Geschichte von Nordhausen«: | ||
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| - | Auf das Heidenthum weisen auch die in unsern Gegenden einst so verbreiteten Kalandsbrüderschaften Vgl. die mit Neuem vermehrte Uebersicht über den Kaland nach früherer Darstellung in der »Chronik von Hornhausen«, | ||
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| - | Doch diese hier soeben berührten und viele andere Dinge wird hoffentlich der projectirte Alterthumsverein klarer machen, für den wackere Männer, z. B. Augustin, Karl Elis, Director Richter, Graf Schulenburg-Ottleben, | ||
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| - | Würde nun die Anregung des Interesses an einem solchen die gesammte Alterthumskunde umfassenden Verein in ausgedehnten Kreisen eine schöne Frucht dieses nicht ohne vereinten Sammelfleiß entstandenen Werkes sein, so darf ich andererseits auch nicht versäumen, im Interesse der Sagenforschung selbst hier die schon von J. W. Wolf in seiner Zeitschrift so freundlich in meinem Namen ausgesprochene Aufforderung für Jedermann, der Lust und Neigung dazu hat, zu wiederholen, | ||
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| - | Mit dieser Bitte schließe ich und mit dem Wunsche, daß die vorliegende Sammlung bei den Freunden der weithin über die Ebene leuchtenden bläulichen Harzberge in der Nähe und in der Ferne eine freundliche Aufnahme finden möge. Von dem ausgezeichneten Manne, der an ihrem Fuße noch in diesem Sommer die Gräber seiner Ackern mit Kränzen umwand und an dessen Krankenlager sie als ein Gruß aus seiner Heimat tritt, weiß ich es im voraus. | ||
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| - | Hornhausen bei Oschersleben, | ||
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| - | Heinrich Pröhle | ||
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