capitel:einleitungvolkssagen_und_volksthuemliche_denkmale_aus_der_lausitz
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| + | ====== Einleitung ====== | ||
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| + | Der auf der Bildung untersten Stufe sich befindende Naturmensch merkte doch trotz dem Gefühl seiner Körpergesundheit und Kraft, daß er demungeachtet zu schwach sey, sich zu leiten, und sah wohl ein, wie noch über ihm Wesen walteten – denn einem Einzigen traute er seinen beschränkten, | ||
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| + | Die Klügsten unter ihnen, deren Geistesfähigkeiten oder größere Wohlhabenheit sie über die Uebrigen erhob, benutzten diese Ueberlegenheit, | ||
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| + | Je üppiger die umgebende Natur bei einem Volke war, desto lebhafter war seine Phantasie, die sich um so mehr Gottheiten schuf, welchen sie wiederum andere unterordnete, | ||
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| + | O heilige Völker, bei den die Götter wachsen in Gärten.\\ | ||
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| + | Doch reiht sich an erstere eine etwas melancholische Idee; indem der Hollunder einschläfert und der Wachholder durch sein finstres Grün und verletzende Stacheln eben nicht anlockt. – Aehnlich dem finstern Charakter derer, die sie verehrten.)) Ein duftender Birkenhain mit seiner weißen Rinde, lieblich glänzenden Blättern und reinigenden Saft, war ihm der Aufenthalt der Lebensgöttin und mit lieblichen Blumen bunt ausgeschmückte Wiesen der Wohnsitz wohlthätiger Feen, den des Tages Stunden freundlich umgaukelten. | ||
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| + | Bei ihnen gab es, wie bei den Griechen und Römern, einen Gott der Reichthümer: | ||
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| + | Ihnen folgte das Heer der untergeordneten Götter (dii minorum gentium), Dämonen, Genien, dienstbare Geister (Engel, diaconi, apostoli), welche von Teutschen und Wenden – wenn schon nicht gleich den wirklichen Göttern – doch, wie bei den Griechen und Römern, gleich den Hausgötzen (lares, penates, lemures) – theils gefürchtet, | ||
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| + | Man glaubte von letztern sich auf allen Schritten und Tritten begleitet, hielt sie für Schirmer gegen des Teufels Trug und List, wie gegen der Menschen Bosheit und Ränke, sah sie, als Beistand im Treffen, als Wächter im Lager gegen die Feinde an, man war versichert, daß sie sich über ein ordentliches Leben ihrer Schützlinge freuten, ihnen Linderung auf dem Krankenlager verschafften, | ||
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| + | Der Vollständigkeit wegen mögen hier die kleinen und Spuckgeister, | ||
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| + | Aus diesem nur oberflächlich Aufgestellten ersieht man nun wohl, daß die Dämonologie der Teutschen und der von ihnen besiegten Wenden eben so reichhaltig – wenn gleich nicht so ansprechend und freundlich – wie die der Griechen und Römer war, und daß jener Phantasie ebenfalls Götter und Geister nach ihren Begriffen sich schuf, oder wenigstens die von andern Völkern entlehnten, nach ihrem Geiste ummodelte. Da – wie bemerkt wird – sich in den Göttern der Volkscharakter ausspricht, so erblicken wir hier natürliche Gutmüthigkeit, | ||
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| + | Wird es übrigens nun wohl Einen Wunder nehmen, wenn der unwissende, rohe Naturmensch – da er sich überall von größern, mächtigeren Wesen, als er selbst ist, umgeben sieht – Erscheinungen, | ||
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| + | Daher nun schreiben sich die meisten Sagen. Ihre reichhaltigste Erzeugerin ist das Mittelalter, | ||
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| + | Der Teufel (bekanntlich Czornebog bei den Wenden genannt) spielte also nebst seinen Vasallen eine bedeutende Rolle, denn diesen bildete man sich als der bösen Geister Mächtigsten und der am meisten schaden könne und wolle. Er war des Bösen Urquell, den man fürchtete, und – damit er nicht schadete – verehrte und opferte man ihm. Traf Mißwachs die Fluren, zerschellte Hagelschlag die Früchte, wurde durch giftigen Mehlthau das Obst verderbt, schlug die Weinlese fehl, verheerten Heuschrecken oder andres Ungeziefer die Felder, rafften Seuchen die Menschen dahin; so war es der Böse, der es gethan hatte, und während man den bösen Gott zu besänftigen sich bemühte, ließ den guten Göttern der schwache Mensch durch Abbruch an Opfern empfinden, daß sie es nicht verhindert hatten, ja die Hausgötzen wurden dafür bestraft und sogar nicht selten hart gezüchtiget. Also auch hier wieder ein Beweis, daß der Mensch seine Götter nach sich selbst beurtheilte und wie im Erdenleben dem Mächtigen – weil er schaden kann, – dort durch Gebethauch und Opfersteuern zu beschwichtigen wähnte, hier wie ein Wurm sich im Staube wälzte, und die er im unschuldigen Verdacht, ob dem, was ihm widerfahren, | ||
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| + | Manche der Geister treiben sogar am hellen Tage ihr Wesen, andre hingegen spuken nur bei Nacht, schalten und walten bei’m Mondlicht und begeben sich bei’m Hahnenruf oder Anbruch der Morgenröthe wieder in ihre Schlupfwinkel.((Ferunt vagantes daemonas\\ | ||
| + | Laetos tenebris noctium,\\ | ||
| + | Gallo canente exterritos, | ||
| + | Sparsim timere et cedere,\\ | ||
| + | Invisa nam vicinitas Lucis.\\ | ||
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| + | Nocte vagi ferimur, nox clausas liberat undas,\\ | ||
| + | Errat et abjecta Cerberus ipse sera.\\ | ||
| + | Luce jubent leges Lethaea ad stagna reverti\\ | ||
| + | Nos vehimur, vectum nauta recenset opus.\\ | ||
| + | Jamque vale, torquet medios nox humida cursus,\\ | ||
| + | Et me saevus oriens afflavit anhelis\\ | ||
| + | Dixerat, et tenuis fugit ceu fumus in auras.\\ | ||
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| + | und Shakespeare läßt den Geist zum Hamlet sagen: | ||
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| + | Ich muß kurz seyn, ich wittre Morgenluft. –\\ | ||
| + | Rapp’, Rapp’, ich wittre Morgenluft, | ||
| + | Rapp’! tummle dich von hinnen.\\ | ||
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| + | So gingen nun aus dem Heidenthume die Begriffe in’s Christenthum über und wurden – weil sich der Mensch nur schwer von dem, woran er einmal gewöhnt ist, trennt, – beibehalten und von den Schwachen geglaubt, indem auch der kenntnißlose Christ dasjenige, was er sich nicht zu erklären vermochte, übernatürlichen Kräften und überirdischen Wesen zuschrieb und vielleicht noch zuschreibt. | ||
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| + | Doch eine Götterlehre hier zu liefern, ist nicht meine Absicht gewesen; Jeder, welcher darüber mehr zu wissen verlangt, wird in den von mir angezeigten Schriften hinlängliche Auskunft finden. Man verzeihe mir daher gütigst diese Abschweifung, | ||
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| + | Sagen und Mährchen also, deren Entstehung so eben angegebene Gründe hervorbrachten, | ||
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| + | Vor der Bekanntschaft mit Schriftzügen, | ||
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| + | Ernster, als bei andern Nationen, erscheint schon die Dämonologie bei den Teutschen, ja, nicht selten sogar furchtbar, bei den Sorben. Ist gleich, wie bei andern Völkern, auch bei ihnen die ganze Natur belebt; so hat sie doch nicht jene lachende, heitere Seite, wie bei den Griechen – selbst bei den Römern ist sie finsterer. – Gleich den aus ihren Morästen aufsteigenden Dämpfen, ähnlich dem ihre Urwälder umhüllenden Dunkel, wallen im Nebelgewande ihre Geister hervor, selbst die wohlthätigen haben kein reizendes Aeußeres. Rauh und schroff, wie die Felsen des Landes, sind der Wenden Dämonen, nicht melodisch murmeln die Quellen, sondern wild brausen sie über Steinwacken einher, Baumstämme und Felsstücken mit sich fortrollend und nur selten kühlen Westwinde die Flur, welche öfters durch Sturm, Windsbraut, Donner und Blitz erschüttert wird.((S. im Allgemeinen was davon Gregorius Turonensis hist. franc. II, 10. Sed haec generatio fanaticis semper cultibus visa est obsequium praebuisse nec prorsus agnovere deum, sibique sylvarum atq. aquarum, avium bestiarumque et aliorum quoque elementorum fluxere formas, ipsaque ut deum colere eisque sacrificia delibari consueti.)) Nicht, wie bei den Griechen und Römern, oder in den spätern Zeiten bei den Indiern, stiegen der Teutschen oder der Wenden Götter (denn nur selten fallen deren Erscheinungen auf der Erde bei den Teutschen – bei den Wenden niemals vor) vom Himmel herab und machen Gemeinschaft mit den Sterblichen, | ||
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| + | Im Ganzen aber enthalten diese Volkssagen immer eine Lehre und Warnung, indem sie entweder den Teufel, (d. i. das Böse, was wir fliehen sollen), wie er die Menschen zu umgarnen und zu verderben strebt, aufstellen, wie von guten Gottheiten gute Menschen belohnt und böse bestraft werden, wie Arme Glücksgüther erwerben und Reiche solche verlieren, wie man sich vor Lastern hüten und der Tugend nachjagen soll, andeuten, und endlich lassen sie uns in einem Spiegel ein unverwischtes Bild von der Anschauungs- und Auffassungsgabe, | ||
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| + | //Quelle: Heinrich Gottlob Gräve: Volkssagen und volksthümliche Denkmale der Lausitz. Reichel, Bautzen 1839, | ||
